|
|
|
 |
 |
 |
 |
THEATERLABOR DARMSTADT CREEPS |
 |
Creeps
|
„Mach’ Dich zum Idioten!“ Schauspiel: Die Gruppe Theaterlabor spielt Lutz Hübners Mediensatire „Creeps“ im Darmstädter Theater Moller-Haus
DARMSTADT. Fernseh-Casting im Theater Moller-Haus. Auf der Bühne sieht es aus wie bei „Viva“ im Studio: Lichtsterne an der Wand, Knautschsitz in der Mitte, Flugzeugstuhlreihe neben dem Getränkepult. Die Fernsehredaktion sucht Mädchen für die neue Show „Creeps“.
In dem Titel steckt der Kriecher ebenso drin wie die Gänsehaut, aber eigentlich müsste die Sendung „Mach’ Dich zum Idioten!“ heißen, denn die Möchtegernmoderatorinnen haben gar keine Chance auf den Job. Doch das wissen sie nicht. Der Autor Lutz Hübner hat seine bissige Mediensatire „Creeps“ als tragikomische Typenkomödie im flockigen Showbusiness-Slang angelegt, und das Darmstädter Theaterlabor hält unter der Regie von Max Augenfeld geschickt die Balance zwischen Mitleid und Lächerlichkeit.
Dass sie sich vor der Kamera zum Narren gemacht haben, kapieren Petra, Maren und Lilly erst, als ihre Show mit dem unsichtbaren Untertitel „Zickenkrieg“ vorbei ist. Zu groß war die Hoffnung: Die coole Lilly (Nadja Soukup) will ihrem Vater, dem Art Director, der ihren modischen Lebensstil finanziert, zeigen, dass sie autonom erfolgreich sein kann. Sensibelchen Maren (Karin Punitzer) will ihrer Mutter beweisen, dass sie doch nicht nur ein hoffnungsloser Fall für den Schulpsychlogen ist. Jazzdance-Petra (Stefanie Otten) aus Chemnitz möchte bloß mal was erleben, bevor sie ihre Lehrstelle als Bürokauffrau antritt und vom Alltag verschluckt wird. Die Schauspielerinnen sind pointiert auf der Rolle und absolvieren die Konkurrenz um den besten Auftritt mit Schmackes. Petra und Maren heulen, Lilly kriegt eins auf die Nase. Und das Publikum hat was zum Lachen.
Max Augenfelds Inszenierung spielt die Szenen so scharf und schnell aus, dass dieses Theater nie moralisierend oder aufklärerisch daherkommt. Und wenn man sich am Ende fragt, worüber man da gelacht hat, merkt man, wie geschickt hier die perfiden Mechanismen der Showbranche vorgeführt worden sind. Das gelingt auch, weil nicht nur die Kulisse (Ausstattung: Eike-Birte Schräder), sondern auch die Videoprojektionen (Frederik Freber) nicht allzu weit vom Vorbild Fernsehen entfernt sind. Studio-Regisseur Arno, dessen Anweisungen nur aus dem Off zu hören sind, zeigt den Mädels in peppigen Clips, wie man ihre linkischen Auftritte am Schneidetisch aufmotzen, wie man eine Figur vor der Kamera bis zur Unkenntlichkeit visuell stylen kann. Vor allem aber kriegt die knapp siebzigminütige Aufführung ihren Drive durch die drei Schauspielerinnen, die Tonfall und Gesten ihrer Girlies treffend karikieren. Nadja Soukup pflanzt ihrer Prada-Lilly ein Plastiklächeln ins Gesicht und verleiht ihr die angemessen schnippische Arroganz des Posenprofis. „Ein megageiler Kotzbrocken“ sei diese Lilly, ätzt Schultheater-Mauerblümchen Maren in einer pfiffigen Parodie. Es bleibt ihr einziger gelungener Auftritt, denn vor der Kamera kriegt die Öko-Esoterikerin sonst nur Gestammel über Plastiklächeln ins Gesicht und verleiht ihr die angemessen schnippische Arroganz des Posenprofis. „Ein megageiler Kotzbrocken“ sei diese Lilly, ätzt Schultheater-Mauerblümchen Maren in einer pfiffigen Parodie. Es bleibt ihr einziger gelungener Auftritt, denn vor der Kamera kriegt die Öko-Esoterikerin sonst nur Gestammel über Biotonnen und Mondsteine heraus. Und als sie zitternd Celine Dions „My heart will go on“ jammert, ist das so schön schlecht, dass es am Donnerstagmittag bei der Premiere Szenenapplaus für Karin Punitzer gibt.
Stefanie Otten schließlich dreht gewaltig auf: Petra will abzappeln und hip sein. Sie tut so, als sei ihre Welt so rosarot wie ihr Outfit, dabei ist ihr Leben grau. Doch das interessiert Arno aus dem Off gar nicht, er will sie als Ossi-Tussi vorführen. Da hat nicht nur Petra genug. Die Mädchen schmeißen den Auftritt, ohne zu wissen, dass ihre Show schon gelaufen ist.
Theaterpädagogisch zielt die Inszenierung zwar auf Jugendliche, doch als Mediensatire taugt „Creeps“ auch allemal für Grufties, die vielleicht vor dem Fernseher einschlafen, aber nicht davon träumen, eines Tages dort hineinzukommen.
Stefan Benz 5.10.2007
|
Druckbares
|
|