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DU SIEHST GESPENSTER - PREMIERE

Ein Kumpel aus dem Himmel

Premiere: „Du siehst Gespenster“ im Darmstädter Mollerhaus: Das Theaterlabor zeigt ein Jugendstück über das Sterben

DARMSTADT. Eigentlich, sagt Lena, geht der Engel kein Risiko ein, wenn er ihr über Leben und Tod Auskunft gibt. Wenn er den Tod prophezeit und Lena überlebt, wird sie ja kaum böse sein. Und im umgekehrten Fall ist sie sowieso weg.

So handfest geht Lena mit letzten Fragen von Leben und Tod um. Die Jugendliche auf der Krebsstation hat von ihrer Krankheit einen zynischen Witz gelernt. Wer Krebs hat, kann sich alles erlauben. Dann aber bekommt Lena Besuch von Angie, die erst trotzig schweigt und dann auch noch Widerworte gibt. Angie ist ein Engel, und dieser Engel hat so viel Angst vor dem Leben wie Lena Angst hat vor dem Sterben. Aber beide sind junge Frauen, und beide schwärmen sie für den Krankenpfleger Micha.

Der Berliner Autor Jörg-Menke Peitzmeyer paart den Schrecken mit Witz. „Du siehst Gespenster“, das neue Jugendstück des Darmstädter Theaterlabors im Mollerhaus, gewährt einen Blick ins Seelenleben einer Todkranken, in ihre Wünsche und ihre Ängste. Er erzählt von ihren Versuchen, in der Religion eine Antwort zu finden, und von ihrem Überdruss an der Rücksicht der wohlmeinenden Besucher. Stefanie Otten spielt das kranke Mädchen mit widerborstigem Witz und einer Intensität des Gefühls, die in der siebzigminütigen Aufführung noch wächst. Nadja Soukup ist der ruppige, sehr erdverbundene Engel mit Punkperücke und Leopardenstiefeln, erst genervt vom irdischen Auftrag, dann ein prima Kumpel, an dem Lena sich reiben kann.

Mag sein, dass die Dialoge im Laufe der nächsten Aufführungen noch ein wenig flüssiger und pointierter kommen als bei der Premiere am Mittwochmorgen, und vielleicht gewinnen ja auch noch die etwas verhuschten Auftritte des Mischa von Johannes Christopher Maier noch an Präsenz. Aber Max Augenfelds Inszenierung beweist ein schönes Gespür für die Mischung aus Sehnsucht und Zweifel, Angst und Trotz, die in diesem Text zum Vorschein kommt.

Sie lässt auch keinen Zweifel daran, woher dieser Engel kommt. Immer deutlicher wird, dass Lena sich ein Gegenüber erfindet, mit dem sie die Angst überwindet. Das macht auch der Bühnenentwurf von Manuela Pirozzi deutlich, die mit der transparenten Rückwand des Krankenzimmers geschickt eine Grenze geschaffen hat für die Identitäten, die einander nahe sind, aber sich nicht berühren.

Mit anrührendem Ernst nimmt die Aufführung ihr Publikum für sich ein, aber sie tut es angemessen unsentimental. Der Schrecken des Todes bleibt ungemildert. Das Ende ist angemessen bitter und klingt doch versöhnlich aus: Das Leben, hinterlässt Lena in ihrem Testament, macht nur dann Sinn, wenn es zwischendurch mal schön ist.
Johannes Breckner
1.10.2009




Du siehst Gespenster, Vorankündigung

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