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MIT HILDEGARD UND WALTER INS THEATER

Lange Nacht der freien Theaterszene

Mit Hildegard und Walter ins Theater
Schauspiel und Kleinkunst: Buntes Bühnenprogramm und Liegestühle für die Gäste: Erste Nacht der Freien Theaterszene

DARMSTADT. Das perlende Lachen von Hildegard alias Birgit Nonn ist am Freitagabend weithin zu hören. Die Freie Szene Darmstadt hat zur Theaternacht eingeladen, und das Säulenportal vorm Mollerhaus erstrahlt im roten Scheinwerferlicht. Schauspieler, Kleinkünstler und Akrobaten haben ein Potpourri der Spielfreude auf die Beine gestellt.

Die pfiffige Hildegard führt gemeinsam mit dem treuherzigen Walter alias Thomas Best durch den Abend. Das „Stromer“-Duo ist unentwegt im Einsatz, sei’s im Foyer, sei’s als Ansager des Bühnenprogramms. Hildegard plappert frisch drauflos, begrüßt die Gäste, als wären es alte Bekannte. Sie fragt, wo der Schuh drückt und zeigt schniefend Fotos des treulosen Ex-Mannes: „Sagen Sie mal, sind Sie auch geschieden?“ Walter hingegen kommt nicht zu Wort, da stupst Hildegard ihn an: „Ei, Walter, jetzt sag du doch auch mal was!“ Der Mann holt Luft, da ist sie ihm schon wieder um Satzeslänge voraus.

Theater findet an diesem Abend überall statt. Es ist ein ungemein kommunikatives Ambiente bis ins Foyer hinaus oder zu den Liegestühlen unter den Säulen hin. Mit Blick auf den Bauzaun am Staatstheater lassen sich Besucher behaglich nieder. Gundula Schneidewind sorgt mit ihrem Akkordeon für französisches Flair. „Das ist echtes Urlaubsfeeling“, meint eine Besucherin, sich wohlig räkelnd.

Das Publikum scheint Teil eines Bühnenbildes. Viele Gäste sind fantasievoll gekleidet. Schauspieler, Regisseure und Freunde der Freien Szene stehen plaudernd in Gruppen zusammen, und auch Kommunalpolitiker mischen sich unters bunte Volk.

Im Saal und auf der Freitreppe bietet sich Einblick in die Vielfalt der Genres, die im Mollerhaus beheimatet sind. Die Jugendgruppe vom „Theaterlabor“ (Regie: Max Augenfeld) zeigt eine sinnsuchende Collage, die problematische Themen persiflierend ins Absurde transportiert. Karina Wellmer-Schnell inszeniert heiteres Marionettentheater, bei dem „Salomanze“ tanzend den greisen „Herodimops“ umgarnt. Inga Pickel trägt erotische Märchen vor. Umwerfend ist die hölzerne Komik des Herbert Faulhaber alias Rainer Bauer. Der Biedermann vom „Bundesamt für ungewöhnliche Maßnahmen und Bürgerbelustigung“ erweist sich auch dabei als ausgefuchster Schelm.

Gundula Schneidewind schlüpft in die Rolle der Bäuerin Martha Henkelmann, die sich als Navigator-Ansagerin ein Zubrot verdient. Während sie ortsfremde Autofahrer über die Schlaglöcher ihrer Dorfstraßen lotst, wird beiläufig gehäkelt, gekocht und die Kuh gemolken. Derweil sorgen Iris Daßler und Silvia Wagner vom Theatermanagement zusammen mit vielen ehrenamtlich Engagierten für netten Service rundum. „Ich freue mich, dass so viele Menschen gekommen sind“, strahlt Daßler. Tatsächlich sind manche dabei, für die das Mollerhaus mit seinen 28 Theatergruppen und Einzeldarstellern eine Neuentdeckung ist. „Ich bin Darmstädterin, aber ich war noch nie hier – kaum zu glauben“, sagt eine Besucherin, die sich im Pulk Richtung Saal schiebt. Eben nämlich ruft Hildegard zur nächsten Bühnendarbietung auf. Resolut nimmt sie Walter ins Schlepptau und schwatzt mit dem Herz auf den Lippen vom Job an der Supermarktkasse oder von Walters Marotten. Der darf dann auch mal ran und zeigt einen Kurzfilm, mit dem er sich schüchtern als Hobbyfilmer outet.

„Ilse schläft“ heißt der urkomische Streifen, in dem Hildegard als dauermüde Schläferin zu sehen ist: da schlummert sie selig rittlings auf einem steinernen Löwen der Mathildenhöhe, zusammengekauert im Buswartehäuschen oder ausgestreckt unter herbstlichem Laub. Zwecklos ist Walters verzagter Weckruf: „Ilse! Ilse!“ Das Publikum zollt den schläfrigen Schweigeminuten der Hildegard begeistert Applaus.
Charlotte Martin
28.9.2009




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