|
|
|
 |
 |
 |
 |
GESTRANDET |
 |
|
|
Alles ist mädchenmöglich Theaterlabor Darmstadt
Daß 14 Jahre alte Teenager grausam sein können, lehrt die eigene Biographie. Mancher bittet noch nachträglich um die Absolution für seine verletzenden, pubertären Eskapaden. Wozu aber Mädchen im Äußersten in der Lage sind, das ahnt man kaum, bis die Medien die Realität jenseits der beschaulichen Inseln der Seligen zeigen. Braidie ist so ein Mädchen "aus der Zeitung". Die Artikel über die eigene Tat gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Die Anklage für sie und ihre Clique lautet: Mord an einer Gleichaltrigen.
Das Theaterlabor Darmstadt zeigt mit dem Einpersonen-Stück "Gestrandet" schonungslos, was mädchenmöglich ist. Aus der Perspektive der mitfühlenden Mitläuferin Braidie (Nadja Soukup), die sich aus Angst vor dem sozialen Abseits nicht traut, offen Partei für das gemeinsame Opfer zu ergreifen, wird die systematische Demontage von Sofie erzählt. Rückblickend schildert Braidie, wie sich die Schikanierung steigert. Mit gemeiner Hänselei fing es an, dann die auf Sofies Hand ausgedrückte Zigarette, schließlich die Demütigung in der Mädchentoilette. Allen voran Adrienne, die Rädelsführerin, hat es auf das wehrlose Mädchen abgesehen. Und alle machen mit. Wieso ausgerechnet Sofie? "Es war einfach so."
Nadja Soukup sieht auf der Mollerhaus-Bühne aus, als ginge sie in die achte Klasse. Hüfthosen, Buffaloes und das notorisch bauchfreie Top. Selbstvorwürfe nagen an Bradie - "Mein Gott, jetzt tu doch etwas" -, und sie weiß genau, daß ihr die Schuld niemand abnimmt: "Schweigen ist ein Geschenk des Bösen." Es gab jemanden, der hatte mehr Mumm in den Knochen. Trevor, ihr Bruder, hielt Adrienne mit Gewalt von Sofie fern. An ihn erinnern nur noch ein paar Muscheln, die seinen Namen auf dem Bühnenboden formen. Braidie, die stets passiv blieb, sitzt auf einem Vorhang, der Wellen wirft. Mitunter tritt sie dahinter und mimt das, was nicht verdrängt werden kann, im Schattenspiel. Braidie versteht sich selbst, analysiert ihre Feigheit, und darum haßt sie sich noch mehr. "Man tut, was man tun muß. Man wendet den Blick ab." Max Augenfeld ballt in seiner Inszenierung von "Gestrandet" den moralischen Zeigefinger zur Faust. Er läßt die Folgen von organisierter verbaler und körperlicher Gewalt wirken, indem er die innere Zerrissenheit Braidies zeigt.
Das Theaterlabor macht Theater für Jugendliche. Es geht in die Schulen, an die Orte, wo die systematische Schikane auf dem Pausenhof grassiert. "Mobbing" - der Begriff für das willkürliche "Fertigmachen" Schwächerer - hört sich fast an wie ein Hobby. Auf dem Programmheft bietet das Theaterlabor einen Mobbingtest und schreibt, wo Hilfe möglich ist.
rsch.
Alle Rechte vorbehalten. (c) F.A.Z. GmbH, Frankfurt am Main
|
gestrandet | Neue Aera
|
Druckbares
|
|