Überall ist Potzlow "Der Kick" in Darmstadt VON FRANK SCHUSTER
Beim Thema Jugend und Gewalt taucht immer wieder die Frage auf, ob Computerspiele oder Filme Vorbild von Taten sein können. Überschlugen sich die Argumente für und wider im Fall der Schul-Amokläufe in Littleton und Erfurt, stellt sich bei dem, was sich in der Nacht zum 13. Juli 2002 im uckermärkischen Potzlow abspielte, die Sache so dar: Die beiden rechtsradikalen Brüder Marco und Marcel Schönfeld ermordeten ihren 16-jährigen Kumpel Marinus, den sie vorher zwangen, sich "Jude" zu nennen, mit einem so genannten Bordsteinkick, den sie aus dem Film American History X kannten.
Der "Bordsteinkick" ist titelgebend für das 2005 in Berlin uraufgeführte Stück Der Kick von Gesine Schmidt und Andres Veiel (Regisseur des Dokumentarfilms Black Box BRD). Die Autoren nahmen für ihr Stück Prozessprotokolle zur Grundlage sowie Interviews, die sie mit Angehörigen von Täter und Opfern sowie Bewohnern des ostdeutschen Dorfes führten.
"Die Stärke des dokumentarischen Theaters ist es, mit seiner Schnitt-Technik Einzelheiten aus dem Material der Realität hervorzuheben", hat Peter Weiss einmal geschrieben. Das beweist sich an Der Kick. Wie schon bei der Berliner Uraufführung spielen in der Inszenierung des Darmstädter Theaterlabors (Regie: Max Augenfeld) nur zwei Schauspieler alle 18 Rollen. Aus kurzen Szenen setzt sich puzzleartig ein Gesamtbild zusammen. Dies und der stete Rollentausch sind keineswegs verwirrend: Der Text ist stringent, mitreißend wie bedrückend gleichermaßen, die Schauspieler Nadja Soukup und Eric Haug geben jedem der Charaktere eine ihm ganz eigene Mimik, Körperhaltung und Stimme.
Kulisse und Kostüme sind monochrom in Schwarz gehalten; als Inventar (Bühnenbild: Eike-Birte Schräder) dienen einzig eine Schaukel, ein Klettergerüst und ein Autoreifen: Täter und Opfer sind noch nicht lange der Kindheit entwachsen; zudem scheint Potzlow ein Ort, an dem man sich vor lauter Nicht-wissen-wohin auch nachts auf Spielplätzen rumtreibt. Trotz gelegentlichem Dialektsprechens wird es nicht als Dorf gezeichnet, das man sich nur in Ostdeutschland vorstellen kann. Potzlow - mit all jenen, die wegschauen, verdrängen, schönreden - ist überall. Es wird zum Modell, an dem man Zeuge der Anatomie eines Verbrechens wird.
Theater Mollerhaus, Sandstraße 10, Darmstadt: 24. April 11 und 20.30 Uhr, 25.-27. April 11 Uhr. Karten-Tel. 0 61 51/ 66 77 99 8. www.theaterlabor-darmstadt.de
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