Darmstädter Echo, 04.02.09 Kindertheater: die stromer Durch die Augen in die Seele Kindertheater: Stolze Bilanz der Darmstädter „Stromer“: 15 Jahre, 1500 Aufführungen und bald 160.000 Zuschauer
DARMSTADT. 1500 – eine große Zahl. So viele Aufführungen kann das Kindertheater „Die Stromer“ nach 15 Jahren bilanzieren. Birgit Nonn und Thomas Best verstehen die Sprache der Kinder, sie besitzen die Fähigkeit, die Welt spielerisch von unten zu erklären: Gerade haben die beiden die Aufführung ihres Stücks beendet, schon sind sie von kleinen Zuschauern umringt. Der Fotograf eilt ins Mollerhaus und bittet um ein Gruppenlächeln. Birgit Nonn scherzt: „Los – wir sagen jetzt alle zusammen Käsespätzle!“ Und schon klappt es.
Da wird das Kleine bedeutsam und groß. So etwa im Stück vom „Waschlappendieb“, 1994 die erste Produktion: Darin erkennt der kleine Victorius schmerzlich, woran sein Herz hängt. Es war sein Lieblingswaschlappen. Als der Lappen geklaut wird, erleben er und Lizzy, die quirlige Maus, ein turbulentes Abenteuer. Bei den zerstrittenen Königskindern in „Lula und der Wolkenspringer“ wünschen sich die beiden Streithähne im Grunde nichts sehnlicher als einen guten Freund.
„Es ist klasse, für Kinder zu spielen. Sie reißen die Augen auf, und du kannst tief in die Seele schauen“, sagt Nonn. Das erste Theaterstück habe sich aus Improvisation im Bereich Theaterpädagogik entwickelt, erzählt Nonn. Nachdem der „Waschlappendieb“ auf der Bühne war, sei das Weitere ein Selbstläufer gewesen. „Also finanziell nicht, aber das Publikum war da, und ,Die Stromer‘ waren geboren“, betont Best. Warum eigentlich „Stromer“? „Kommt von Herumstromern“, sagt Nonn.
Die Leichtigkeit des Schlenderns und Weltentdeckens, die in dem Wort anklingt, ist auch den Stücken eigen. Sie leben von poetischer Bildhaftigkeit, setzen auf Dialoge, die auch der kleine Zuschauer versteht. Dazu eilen Gestik und Mimik oft ausdrucksstark den Worten voraus. Humor, der sich an Winzigem entzündet, befreit selbst schwere Themen wie Krieg und Frieden von Schatten. Es ist die Entdeckung der Einfachheit, die den Charme ausmacht.
Manch Erwachsener ist Fan der „Stromer“. Auch bei der Jubiläumsaufführung am Sonntag sagte eine Mutter zu den Schauspielern: „Das war wieder zauberhaft!“ In „Irgend was fehlt immer“ geht es um Haben oder Sein. Die Welt der Dinge, die so verlockend scheint, türmt sich bedrohlich auf. „Wie schön ist der Badewannenstöpsel!“, freut sich Nonn im rosigen Kleinkindkleid. Doch dann fehlt ihr zum Stöpsel die Badewanne und für die Wanne ein Badezimmer, und das wiederum braucht gar ein Haus.
„Nicht alle Stücke entwickeln wir selbst, sondern in Austausch mit unterschiedlichen Autoren, Bühnenbildnern, Regisseuren und Technikern“, sagt Nonn. Seit drei Jahren leisten sich die Stromer den Luxus eines eigenen Übungsraums: „So müssen wir endlich die Requisiten nicht mehr von A nach B schleppen“, sagt Best. Er führt aus: „Innerhalb der freien Szene sind wir gut dran. Kommunen, Jugendzentren oder Schulen buchen unsere Stücke.“ Dennoch müsse man scharf kalkulieren: „Wir können uns keinen Flop leisten.“
Ein Stück für Erwachsene („Keine Blasmusik“) und elf Produktionen für Kinder – so lautet die Bilanz des Theaters nach 15 Jahren. 120 Vorstellungen zeigt das Duo jährlich in der Region Rhein-Main, etwa die Hälfte in Darmstadt. Thomas Best hat noch eine stattliche Zahl ermittelt: „158 791 Zuschauer haben von 1994 bis 2008 unsere Vorstellungen gesehen.“ Birgit Nonn sagt: „Man braucht eine große Leidenschaft fürs Theater, damit der Zuschauer das Gefühl hat, alles geschieht hier und jetzt zum ersten Mal, und es geschieht nur für ihn.“ Die Mühsal der Vorbereitungen dürfe auf der Bühne nie spürbar werden, ergänzt Best.
„Ich träume davon, dass Kindertheater den gleichen Stellenwert hat wie Erwachsenentheater“, so Nonn. Und Best: „Ich würde gern mal ein Piratenstück mit vielen Darstellern machen. Derzeit ist das nicht finanzierbar, denn der Eintritt für Kinderstücke ist gering, und so werden kleine Ensembles gebucht.“
Die schönste Bestätigung ihrer Arbeit ist für das Duo die Begegnung mit Jugendlichen, die sagen: „Euch kenne ich. Ihr seid früher mal bei mir im Kindergarten aufgetreten.“ Charlotte Martin 4.2.2009
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