Darmstädter Echo, 22.01.09, juri die stromer Hildegard auf allen Kanälen Forum Kultur: Die Stromer persiflieren mit „Keine Blasmusik“ die Fernsehsucht
HEPPENHEIM. Minutenlanger Beifall am Samstagabend für „Die Stromer“ im ausverkauften alten E-Werk. Fast zwei Stunden lang gab es „Keine Blasmusik“, aber auch vom ständig angekündigten „Tatort“ bekam das Publikum außer dem Vorspann kaum etwas zu sehen. Dafür ließen die Komiker Birgit Nonn und Thomas Best – auf und hinter der Bühne geduldigst von Techniker und Studentenservicer Mathias Trumpfheller assistiert – ihre lieben Gäste in der Gut’ Stubb teilhaben an der großen Leidenschaft zweier „Jungverliebter in der zweiten Lebenshälfte“.
Weil ihr Talent – wie sie überzeugend live und auf dem Bildschirm demonstrieren – nun mal nicht ausreiche für die Bretter, die die Welt bedeuten, leben Hildegard Lautenschläger, geborene Steinmetz und Walter Daumann (fast) nur für und durch das Fernsehen. Einige Zuschauer, die sich wohl im falschen Film glaubten, verließen in der Pause das spießig eingerichtete, von der Glotze dominierte „Wohnzimmer“, in das die beiden Heppenheim zu einem gemeinsamen gemütlichen Tatortabend eingeladen hatten.
Doch all jene, die blieben, fanden den genauso „einmalig, prickelnd, aufregend und spannend“ wie die vor Spielfreude strotzenden Akteure selbst. Die ebenso begeisterungsfreudige wie begeisternde Teilzeit-Kassiererin Hildegard ist ein Vulkan, der immer wieder in wahnwitzige Lachsalven ausbricht. Ihr frühpensionierter Postbeamte Walter: ein steifer Knochen, der aber seine Hildegard innigst liebt, mit Verve die Gitarre bearbeitet und sich außerdem als Meister des Sekundengedichts erweist.
Wie sie sich im Chatroom kennen und lieben lernten, er sie unterstützt beim Training für die Tatortleiche, welche Probleme es gab mit Hildegards Ex, der mit einer Silikonschnecke abrauschte oder beim Weihnachtssketch für die Kollegen samt Oberpostdirektor – all das und mehr erfährt der geschätzte Gast, bevor das skurrile Duo dem Publikum seine wohlverdiente Pause gönnt.
Na und dann? Der Fernseher gibt den Geist auf, Hildegard will ihm zeigen, was eine Harke ist, verheddert sich im Kabelgewirr und entschwindet. Schließlich bringt Walter den Kasten selbst wieder in Gang und sieht entsetzt: Hildegard ist die Leiche im Tatort! Beim Versuch, sie ins Leben zurückzuholen, rast der Freistil-Zapper verzweifelt durch die Kanäle. Doch die liebe Hilde kommt nicht heim – sie ist überall. Sie kommentiert die Tagesthemen, recherchiert im Polizeiruf, reüssiert bei der Oskarverleihung und landet endlich in der Lindenstraße.
An der Laterne vor der Hausnummer 20 entscheidet sich das Schicksal der Jungverliebten. Lassen sie alles so aufregend, wie es ist? Und was ist das eigentlich das wahre Leben? Mit ihrer ersten, video-technisch ziemlich aufwändigen Produktion für Erwachsene in hessisch-light persiflierten „Die Stromer“ quicklebendig die grassierende Mediensucht und amüsierten das aufgeschlossene Publikum. juri 22.1.2008
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