Frankfurter Rundschau 25.09.2008
Theaterlabor zeigt neues Stück Der Klassenraum als Käfig VON FRANK SCHUSTER
Die Schule macht Schlagzeilen. Meist leider negative, wie in diesen Tagen mit einer Amokbluttat in Finnland. Ist es wirklich so schlimm bestellt um die heutige Schülergeneration? "Aussetzer", das neue Stück des Berliner Theaterautors Lutz Hübner ("Das Herz eines Boxers"), das Themen wie Perspektivlosigkeit, Gewalt und Mobbing anspricht, ließe diesen Schluss zu. Allerdings muss auch klar sein, dass es sich um ein den Alltag verdichtendes Kunstwerk handelt. Das Darmstädter Ensemble Theaterlabor zeigt das bedrückende Zweipersonenstück in einer sehenswerten, nachdenklich stimmenden Inszenierung (Regie: Max Augenfeld) im Theater Mollerhaus.
Die Bühne ist karg, mit Folie ausgelegt, Schulhefte liegen verstreut auf dem Boden, ein paar Flaschen stehen in der Ecke (Bühnenbild: Manuela Pirozzi). Eine Art Baustelle. So wie das Leben von Frau Stöhr, der Lehrerin (gespielt von Nadja Soukup), und dem Hauptschüler Chris (Johannes Christopher Maier). ANZEIGE
Beide haben ihre persönlichen Probleme. Er mit seinem brutalen Vater - und damit, dass er womöglich sitzen bleibt. Sie, die junge Lehrerin, die häufiger "wie ein Wanderpokal" die Schule wechseln musste, mit ihrem Übereifer, der an den lustlosen Schülern scheitert.
"Ochsenfrösche mit Base-Caps", denkt sie über sie in einem dunklen Moment, bleibt aber ganz die engagierte, idealistische Lehrerin: "Ich werfe nicht mehr die Bananen in den Käfig, ich gehe hinein."
Irgendwann eskaliert die Situation: Chris braucht dringend eine Drei im Zeugnis, er fängt Frau Stöhr nach Schulschluss ab ...
Beide Schauspieler überzeugen: Soukup (mit Kurzhaarperücke und stets voller Lederumhängetasche) changiert zwischen blauäugiger Streberhaftigkeit und purem Idealismus; Maier (die Kapuze meist tief im Gesicht) zwischen abgründiger Unnahbarkeit, latenter Gewalttätigkeit, aber auch Herzensgüte, wenn sein weicher Kern hervorbricht.
Auch früher war nicht alles rosig
Zur Premiere am Mittwoch kamen Schulklassen der Heinrich-Emmanuel-Merck- und der Alice-Eleonoren-Schule. Auf die Frage des Regisseurs: "Ist es ein realistisches Stück gewesen?", antwortet eine Schülerin: "Kommt immer wieder so vor, wenn vielleicht auch nicht in dem Ausmaß." Dass es aber vielleicht nicht viel schlimmer geworden ist an Deutschlands - und Darmstadts - Schulen, berichtet ein pensionierter Lehrer. Schon vor 20 Jahren habe er Drohbriefe erhalten mit Sätzen wie: "Ich box' dich unter den Tisch."
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